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Expeditionen: Atlantis im Himalaja, 2006

 

Ausland Expeditionen

Atlantis im Himalaja

Der Münchner Bruno Baumann suchte das buddhistische Shangri-La und stieß auf die eigentliche Wiege der tibetischen Kultur – das Silberschloss der Shang-Shung-Könige. In dem rauhen Bergreich regierten vor über 2000 Jahren wilde Krieger und blutrünstige Schamanen.

Auf den ersten Blick präsentiert sich die Gegend im Südwesten des Plateaus von Tibet wenig spektakulär. Satellitenkarten verzeichnen hier oben, eingebettet in einem Talkessel, nur das Dörfchen Neu-Khyunglung.

Behutsam steuert Bruno Baumann sein Kanu durch das Wildwasser des Flusses Sutlej. Plötzlich aber mag er seinen Augen nicht trauen: Hinter einem Felsentor taucht mitten in der Steinwand ein gewaltiges Höhlenlabyrinth auf. Gut 400 Meter hoch und mehrere Kilometer lang, zeigen sich zerfallene Klöster, Tempelbauten und Wehranlagen – rot oder silbern glitzern die geheimnisvollen Bauten in der Nachmittagssonne. Baumann, ein Österreicher, der in München lebt, gilt als der beste Kenner Tibets im deutschen Sprachraum. Er hat gut ein Dutzend Bücher über das Schneeland im Südwesten Chinas verfasst und mehrere Filme produziert. Nachdem Peking Mitte der achtziger Jahre die Region wieder für Ausländer öffnete, verbrachte der Ethnologe ganze Monate auf dem Dach der Welt. Doch was er nun im Talkessel von Khyunglung erblickt, stellt alles bisher Erlebte in den Schatten. „So muss es aussehen, das paradiesische Shangri-La, jene traumhafte Welt, in der die Zeit stehengeblieben ist“, meint Baumann. Kann es sein, dass er den heiligen Gral der Buddhisten gefunden hat? Viel nachdenken allerdings kann der Münchner in diesem Moment nicht: Das Dörfchen liegt in einem militärischen Sperrgebiet nahe der Grenze zu Indien. Er schießt ein paar Fotos, dann verjagt ihn ein Offizier der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Drei Jahre ist das her.

Doch inzwischen spricht selbst die Fachwelt von einer wissenschaftlichen Sensation. In dem von Baumann entdeckten Kessel befinde sich wohl die eigentliche Wiege der tibetischen Kultur, glauben Experten: das Zentrum eines sagenumwobenen Reichs, dessen Könige Zentralasien beherrschten, lange bevor die Buddhisten auf das Dach der Welt gelangten. Der Weg zu dieser Erkenntnis jedoch war weit. Wieder zu Hause in München konsultierte Baumann damals den Züricher Tibetologen Michael Henss. Dieser bestärkte ihn, die Suche in Tibet fortzusetzen. Denn der Name Khyunglung für jenes Dorf, wo sich die Höhlen befinden, bedeute übersetzt nichts anderes als „Garudatal“. Vielleicht, so mutmaßte Henss, habe Baumann das „Silberschloss im Garudatal“ gefunden, den Palast der letzten Shang-Shung-Könige – von dem die Wissenschaft bisher geglaubt hatte, es sei nicht mehr als ein imaginäres Atlantis im Himalaja. Monat für Monat brütete Baumann nun über den Rätseln der frühen tibetischen Kultur. Der Mann, der dem Berg-Guru Reinhold Messner ähnlich sieht und die meiste Zeit des Jahres in einem engen Bergsteigerzelt in unwirtlichen Weltgegenden verbringt, arbeitete sich jetzt durch Universitätsarchive.

Von Tibetologen konnte er nicht viel erwarten. Es gibt weltweit nicht mal ein Dutzend Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen. Die meisten Aufzeichnungen über die Region wurden zudem während Mao Zedongs Kulturrevolution zerstört. Als hilfreich erwiesen sich allein Reiseberichte aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts. Damals war Tibet noch eine streng abgeschirmte Theokratie, regiert vom 13. Dalai Lama, seinen rot gekleideten Mönchen und dem Hofadel in der Hauptstadt Lhasa. Der Gottesstaat, dreimal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland, war faktisch unabhängig.

Ausländer jedoch durften das „Dach der Welt“ nicht betreten. Nur einige Abenteurer und Forschungsreisende, meist als Pilger verkleidet, brachten Nachrichten aus dem geheimnisvollen Schneeland in den Westen. Der bekannteste war wohl der Schwede Sven Hedin, der 1925 in seinem Buch „Transhimalaja“ erstmals einem breitem Publikum vom mysteriösen Tibet berichtete und von der dort vorherrschenden okkulten Spielart des Buddhismus, dem Lamaismus. 1930 behauptete dann der Russe Nicolas Roerich, er habe das geheimnisvolle buddhistische Paradies „Shambhala“ in Tibet geortet. Geografische Daten lieferte er keine. Das dürfte auch schwer sein, denn das „Shambhala“ ist lediglich ein mystisches Reich, eine Art Nirwana, in das sich Lamaisten mittels Meditation versetzen, um den zeitlosen Schwebezustand des Nichts zu erleben. Aber gerade das schien die Fantasie einer westlichen Leserschaft zu beflügeln.

Als der amerikanische Autor James Hilton in seinem Roman „Der verlorene Horizont“ vier westliche Reisende in dem paradies-gleichen Tal „Shangri-La“ stranden ließ (was wohl nichts anderes als eine Verballhornung von Shambhala war), wurde seine Geschichte zum Weltbestseller und gleich zweimal von Hollywood verfilmt. Die Wortschöpfung Shangri-La indes stand fortan als Synonym überall dort, wo man fernöstliche Mystik und meditativen Frieden suggerieren wollte. All das half Baumann jedoch kaum weiter. Fündig wurde er erst in Tagebüchern des italienisches Tibetforschers Giuseppe Tucci: Der Römer schlug bei einer Reise durchs westliche Tibet 1932 sein Zelt genau im Khyunglung-Tal auf. Sein Bericht allerdings verstaubte in den Archiven. Doch Tucci hinterließ eine Spur. Ein damals noch junger Tibeter war dem Italiener nach Rom gefolgt: Chogyal Namkhai Norbu. Er ist inzwischen über 60 Jahre alt, lebt in der Toskana und gilt als weltweit einzige Kapazität zum Thema Shang-Shung. Norbu bekennt sich zum Dzogchen, einer der ältesten Lehrtraditionen des tibetischen Buddhismus.

Die noch ältere Bon-Lehre führt heute auf dem Dach der Welt nur mehr ein Schattendasein und hat sich weitgehend an den Lamaismus angepasst. In früheren Zeiten huldigten die Bönpos blutigen Ritualen, die der Bewusstseinserweiterung dienen sollen. Die französische Nonne Alexandra David-Néel, eine Zeitgenossin Tuccis, berichtet davon, wie sich Bön-Priester mit Toten eingeschlossen hätten, um ihnen die Zunge rauszureißen – die hernach als Wundermittel im Kampf gegen Dämonen diente. Diese Rituale stammten aus einer Zeit, lange bevor der Buddhismus das Dach der Welt erreichte, so Norbu. Denn die Bönpos seien die Hohepriester im „Silberschloss des Garudatals“ gewesen. Damit war klar: Um das Shang-Shung-Königreich zu verstehen, musste Baumann den Spuren des Bön-Kultes folgen. Im Mai 2005 brach der Münchner zu einer weiteren Expedition auf, bei der auch sein neuestes Buch entstand, dass diese Woche im Buchhandel erscheint*.

*Bruno Baumann: „Der Silberpalast des Garuda. Die Entdeckung von Tibets letztem Geheimnis“. Verlag Malik; 325 Seiten; 24,90 Euro.

Die Reise begann in der nepalesischen Hauptstadt Katmandu, einer Art Ersatzzentrum für tibetische Kultur. Denn seit Pekings Volksbefreiungsarmee im August 1950 das Dach der Welt besetzte und der 14. Dalai Lama 1959 ins indische Exil flüchtete, wählten Hunderttausende Tibeter aus Angst vor religiöser Verfolgung gleich ihrem Oberhaupt Nepal als neue Heimat. Baumann steuerte diesmal direkt das Bön-Kloster Thiten Norbuche im Westen Katmandus an. Die Bilder dort in der Gebetshalle der roten Mönche zeigen eine Landschaft zwischen vier Flüssen und im Zentrum einen markanten Berg: Es ist der als heilig verehrte Kailash. „Das war unser Shambhala“, verrät Lopon Tenzin Namdak, das Oberhaupt der Klause. „Es ist ein Teil des untergegangenen Shang-Shung-Reiches, das Tibet lange Zeit beherrschte.“ Drei Tage später sitzt Baumanns Expeditionstruppe im Flugzeug, auf dem Weg ins westnepalesische Simikot. Der Weiler war früher Endpunkt der tibetischen Salzkarawane. Auch Pilger nutzten den Hochpfad, der sich gleich hinter der Flugpiste durch die enge Schlucht des Karnali- Flusses schraubt, bevor er an der tibetisch-nepalesischen Grenze in 4500 Meter Höhe den Pass Nara La überquert. Sechs Tage dauert der anstrengende Fußmarsch, dann steigen die Männer jenseits der von chinesischen Soldaten bewachten tibetischen Grenze auf einen Lastwagen Pekinger Produktion (Marke: „Ostwind“) um. Noch ein weiterer Tag Fahrt über unbefestigte Straßen, dann taucht am Horizont die atemberaubende Eispyramide des 6714 Meter hohen Kailash auf. Im Jahre 1987 – die Region war von Peking gerade erst wieder für Touristen freigegeben worden – hatte der Münchner den heiligen Berg erstmals auf dem Pilgerpfad „Kora“ umkreist. Zusammen mit Gläubigen, die ihre Gebetsmühlen drehen und unablässig das Mantra „O mani padme hum“ („Kleinod in der Lotusblüte“) murmeln, umrundete er seitdem 27- mal den Kailash. Baumann hatte das religiöse Treiben bislang als rein buddhistisches Ereignis wahrgenommen. Doch nun erkannte er den Bön-Kode aus der vergessenen Shang-Shung-Kultur, den diese Landschaft über Jahrtausende verborgen hielt. In mehr als 5000 Meter Höhe ragen Fundamente großer Siedlungsanlagen aus dem kargen Fels. Das können keine verfallenen Lamatempel sein – die wurden aus Lehm gestampft. Die Gebilde ähneln eher den Monolithen auf der Osterinsel. „Nicht im Potala-Palast des Dalai Lama in Lhasa liegt die Wiege der tibetischen Kultur“, davon ist Baumann überzeugt, als er vom Kailash herabsteigt, „sondern eher in der grauen Vorzeit der Shang-Shung-Könige“.

Auch Tibetologen sehen das inzwischen so und stellen dadurch das gesamte bisherige Gebäude ihrer Wissenschaft in Frage. Sie widersprechen damit auch der Geschichtsinterpretation Pekings wie jener des Dalai Lamas. Die Diaspora behauptet, dass ein organisiertes Staatswesen in Tibet erst mit dem legendären König Songtsen Gampo (618-698) entstand. Der habe einen buddhistischen Missionar aus Indien eingeladen, um die blutrünstigen Bön zu bekehren. Gampos Heere seien so mächtig gewesen, dass sie zweimal Changan, damals Hauptstadt der chinesischen Tang- Dynastie (624-816), überrannten. Dass der buddhistische Tang-Kaiser seine Tochter dem wilden Mann von Lhasa zur Frau gab, ist Peking indes Begründung genug, um Chinas Herrschaftsanspruch auf das Dach der Welt bis heute zu rechtfertigen. Was beide Seiten verschweigen: Auch Songtsen Gampo musste seine Schwester Sadmarkars als Tribut an einen mächtigen Widersacher im Westen verheiraten.

Es war der Shang-Shung-König Ligmigya. Seine Heere fielen in Lhasa und Tang-China ein; das Reich des Herrschers erstreckte sich von Nordindien bis in die Wüsten Zentralasiens. Dort barg der französische Orientalist Paul Pelliot 1908 in einer versteckten Kammer der berühmten „Höhlenbibliothek“ von Dunhuang, das heute in der chinesischen Autonomen Region Xinjiang liegt, einen historischen Brief, der über das Leben am Shang-Shung-Hof berichtet: Königin Sadmarkars erzählt von großen Reichtümern im Palast, der als „Khyunglung-Ngulkar“ (Silberschloss im Garudatal) bezeichnet wird. Das Anwesen besitze hunderte von Zimmern, die Wände seien mit Achaten und Gold besetzt. Aber die Königin war mit ihrem Gatten unzufrieden. War es, weil sie die blutigen Rituale der Bön abstoßend fand und sie längst mit dem Buddhismus sympathisierte, oder weil König Ligmigya, wie ein überliefertes Volkslied nahe legt, seinen ehelichen Pflichten nicht nachkam? Als historisch halbwegs gesichert gilt, dass die Königin ihren Mann in eine Falle lockte, Schwager Songtsen Gampo aus Lhasa meuchelte ihn brutal. Dem Mord folgte ein jahrzehntelanger blutiger Religionskrieg.

„Es besteht kein Zweifel“, so Baumann, „dass auch der Buddhismus mit dem Schwert nach Tibet kam und die autochthone Kultur ähnlich ausradierte, wie es später die Kommunisten mit den Buddhisten taten.“ Die letzte Entscheidungsschlacht wurde wohl im Garudatal geschlagen. Dass Baumann diesen Ort tatsächlich fand, dazu gehörte auch ein Quäntchen Forscherglück. Klar schien nur, er musste unweit des Dörfchens Neu-Khyunglung liegen – nordwestlich vom heiligen Berg Kailash. Die Bestätigung kam wieder von einem alten Mönch. Nach zwei Tagen Fahrt mit dem Jeep entlang des Sutlej-Flusses öffnete sich das enge Tal zu einem gigantischen Amphitheater, so wie Tucci es schon in seinem Bericht von 1932 erwähnt hatte. Hoch oben in der Wand klebt wie ein Adlerhorst eine Mönchsklause. Sie ist nur über Leitern zu erreichen und trägt den Namen Barba Drub Phug – die Höhle des strahlenden Swastika-Juwels. Die spiegelverkehrte Swastika ist das Symbol der Bön.

Der über 80 Jahre alte Lama Tenzin Wangdrak, der die Klause bald nach dem Zerstörungswahn der Kulturrevolution wieder bezogen hat, wirkt in der dunklen Höhle als Kräuterheiler. Es stellt sich heraus, dass Wangdrak Schüler eines Lamas ist, mit dem auch Tucci gesprochen hatte, 1932 schon. Als Baumann ihn fragt, ob er wisse, wo sich das „Silberschloss im Garudatal“ befinde, bricht er in schallendes Gelächter aus: „Sie sind bereits da“, sagt der Alte. „Hier auf den Klippen liegt es.“ Am nächsten Morgen klettert der Münchner bei eisigem Wind die hohen Felsen hinauf. In 4000 Meter wird jeder Schritt zur Qual. Aber der Alte hat nicht geflunkert. Erst von oben sieht man, dass dies nur Teil einer gigantischen vorzeitlichen Anlage gewesen sein muss. Am Ende des 15 Kilometer langen Tals ist gerade noch jene Höhlensiedlung zu erahnen, die Baumann bei seiner Floßfahrt vor drei Jahren entdeckte. Überall sind Überbleibsel uralter Fundamente zu erkennen. Auf den Felszacken thronen zudem die Reste von mehreren hundert Meter langen Wehranlagen. „Khardong“ nennen die Einheimischen diesen Bergkamm: „Im Angesicht des Schlosses“. Hier also muss sie gestanden haben, die Wiege der tibetischen Kultur, in einem rauen, nur von Nomaden besiedelten Hochtal, gut 1000 Kilometer von Lhasa entfernt. Wochen nach Baumanns Erkundungstour bestätigt auch ein Team chinesischer Archäologen diese Version. Unter der Leitung des Tibetologen Li Yongxian legen die Experten mannshohe Monolithe und Statuen frei, die nach ersten Analysen mehr als 2000 Jahre alt sein dürften. Auf einem Symposium an der Universität Sichuan stellen sie Monate danach ihre Ergebnisse vor. „Im Garudatal bei Khyunglung“, so formuliert es Fachmann Li, „wurde wohl erstmals das Silberschloss der Shang-Shung-Könige gefunden.“

 

Jürgen Kremb

Der Spiegel Nr.17