Presseartikel

 

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Nr.15/2006

Draußen „Ostwind“ und „Befreiung“, drinnen Rodeo. Schon der Beginn meiner Reise ist eine echte Herausforderung. Die klapprigen Lastwagen tragen hier kämpferische Namen – und bislang auch unser Gepäck. Doch nun geht es zu Fuß weiter. Yaks sollen „Ostwind“ und „Befreiung“ ablösen. Allerdings haben sie darauf keine Lust. Störrisch werfen sie immer wieder Zelte und Kisten ab. Erst am Nachmittag können wir starten. Kommen aber nicht weit: Bergpässe werden hier nur vormittags bestiegen. Weil dann die Erd- und Windgeister noch schlafen – und keinen Ärger machen können…

Wir sind unterwegs im Reich der Götter, in einem der geheimnisvollsten Winkel der Welt: Tibet. Wir wollen den Transhimalaya von Süd nach Nord durchqueren. Dieses Gebirge durchzieht Tibet wie ein Rückgrat. Ausgangspunkt ist Sangsang, eine kleine Hirtensiedlung. Bis zum Ziel nach Ombu sind es 500 Kilometer. Luftlinie. Dazwischen eisige Gipfel, glasklare Seen, schroffe Täler und wolkenverhangene Plateaus, auf denen Wildesel weiden. Weite ist hier noch weiter, Leere noch leerer. Die Linien der Berge scheinen für die Ewigkeit geschaffen. Der Wind lässt die Wolken als phantasievolle Gemälde erscheinen. Immer mehr nimmt mich dieses Land gefangen – ein Zauberland.

Wie Indiana Jones sind auch wir einem uralten Mythos auf der Spur: „Shangri-La“, dem legendären Paradies im Himalaya. Ist es nur ein Traum? Oder doch Wirklichkeit? Hier, im Hochland von Tibet, erhoffen wir uns die Antwort. Zunächst jedoch ist es an uns zu antworten: Kaum haben wir unsere Zelte aufgestellt, bekommen wir Besuch. Nomaden. Wie aus dem Nichts sind sie aufgetaucht.

Ein Nomade geht nie am anderen vorbei, ohne nach dem Woher und dem Wohin zu fragen. Zu sehr bestimmt die Einsamkeit den Alltag. Tsering, das Familienoberhaupt, zeigt uns seine Behausung. Ein offener Lehmofen teilt das Zelt. Rechts sitzen Männer und Gäste, links Kinder und Frauen. Gegenüber vom Eingang steht der Altar: mit Figuren, Bildnissen. Die Feuerstelle ist Sitz des Herdgeistes „Tha Lha“. Die Frauen lassen möglichst nichts überkochen, um ihn nicht zu erzürnen. Ringsum lagern Vorräte, Sättel, Gurte, zusammengerollte Teppiche und Decken. Alles, was Tserings Familie besitzt, ist auf das Überleben ausgerichtet. Am wichtigsten sind die Yaks. Das weibliche Tier gibt Milch – für Butter, Käse und Joghurt. Das Haar wird zu Wolle versponnen. So entstehen Kleidung, Stricke, Säcke und die Zelthaut. Das Fleisch wird getrocknet und dient als Nahrung. Selbst die Knochen finden Verwendung: Es werden Gebetsformeln eingeritzt. Der getrocknete Dung dient als Brennstoff. Dann zeigt uns Tsering sein Gewehr, Marke Eigenbau. Der Lauf ist aus geschnitztem Holz, die Zündschnur aus Yakhaar und die Kugel aus gegossenem Metall. Der Schuss verursacht einen ohrenbetäubenden Knall. Schütze Tsering verschwindet in einer Rauchwolke – und wir mit unserer Karawane in der weiten Unendlichkeit. Auf der Suche nach „Shangri-La“. James Hilton schrieb diesen Roman 1937, ließ ihn in Tibet spielen. Er wurde von Hollywood verfilmt und in viele Sprachen übersetzt. US-Präsident Roosevelt nannte seinen Landsitz „Shangri-La“ – heute Camp David. Inzwischen hat der Tourismus den Begriff gepachtet. Es gibt Hotels, Kneipen, Reisebüros, sogar eine „Shangri-La“-Airline. Auf die Spitze trieb es ein chinesischer Provinzkader. Er taufte kürzlich einen Bezirk in Yunnan „Shangri-La“ – um den Fremdenverkehr anzukurbeln. Die Sehnsucht nach einem Ort, an dem Menschen in Einklang mit sich und der Natur leben, an dem ihre Aggressionen nicht in Kriege münden, sie war gestern so riesig wie heute.

Eine Zeitlang wurde im Hunza-Tal in Pakistan, dessen Bewohner ein erstaunlich hohes Alter erreichen, das „Shangri-La“ vermutet. Doch mit dem Bau der Karakorum-Straße kommen längst Konsumgüter in das einst isolierte Hochgebirgstal. „Das Volk ohne Krankheit“ ist heute so anfällig für Zahnweh und Herzinfarkt wie wir. Vielleicht muss sich jeder sein „Shangri-La“ suchen. Für mich war es immer Utopie. Als ich mal meinen Sherpa fragte, wo für ihn „Shangri-La“ liege, kam ohne Zögern: „In Amerika.“

Doch je länger ich mich damit beschäftige, um so mehr bewegt mich die Frage, ob James Hilton damals eine – geographische – Vorlage für seinen Roman hatte. Dabei stieß ich auf „Shambala“, ein Buch des Russen Nicholas Roerich aus dem Jahr 1930. Darin beschreibt er seine Expedition zu einem geheimen, spirituellen Zentrum im Herzen Asiens. Die Ähnlichkeiten zwischen Hiltons „Shangri-La“ und Roerichs „Shambala“ sind zu auffällig, um als bloßer Zufall abgetan zu werden. Und in der tibetisch-buddhistischen Tradition spielt „Shambala“ tatsächlich eine wichtige Rolle. Liegt hier der Schlüssel des Rätsels? Und wenn ja: Wo liegt „Shambala“?

Vorbei an Gebetsfahnen und Steinpyramiden, an verfallenen Klöstern, versteckten Höhlen und rauhen Pässen gelangen wir immer tiefer ins Landesinnere. Immer dichter an das seit Jahrzehnten von China gesperrte Grenzgebiet zum Kaschmir. Noch nie ist eine Expedition hierher vorgedrungen. Und noch nie ein Fernseh-Team! Hier, an den Lauf des wilden Sutley. Wir haben zwei Schlauchboote klargemacht. Aber in Tibet geht nichts ohne höheren Beistand – wir warten auf die Mönche. Sie befestigen weiße Glücksschärpen an den Booten. Taufen das eine „Glücklicher Goldfisch“, das andere „Türkiser Drache“, werfen Gerstenkörner. Nun gibt’s kein Zurück mehr. Schon reißen uns die Strudel fort. Die Felswände ragen 300, 400 Meter hoch. Sie werden immer enger. Vom Himmel ist nur ein schmaler Streifen zu sehen. Diese Landschaft, sie ist von ehrfurchtgebietender Monumentalität. Wind und Wasser haben die Berge zerfurcht, zu Formen modelliert, die menschliche Phantasie kaum ersinnen könnte. Der Sutley erinnert mich an den Grand Canyon – nur dass es hier ein ganzes Labyrinth von Canyons gibt. Mit dem Himalaya oben drauf! Wir haben lassen uns treiben, horchen in die Stille. Die Angst, auf ein unüberwindliches Hindernis zu treffen und in der Falle zu sitzen, legt sich. Denn nach jeder Biegung gibt es neue Wunder!

Quellen treten aus den Felsen, bilden Moosteppiche und fallen wie Schleier über die Wände. Dunkler Basalt zu Säulen und Bögen geformt. Die Felswand, auf die wir zusteuern, leuchtet wie eine vergoldete Tempeltür in der Sonne. Plötzlich öffnet sich der Canyon wieder, gibt ein schmales Tal frei. Das Garuda-Tal.

Wir wir jetzt sehen, ist eine archäologische Sensation: Überreste von Bewässerungsanlagen und Terrassenfeldern. Künstliche Höhlen. Darüber Ruinen. Die zerfallenen Mauern sind Reste buddhistischer Tempel. Doch die Höhlen sind viel älter. Sie bezeugen, dass diese öde Gegend einst ein blühendes Kulturzentrum war! Die versunkene Kultur von Shambala – wir haben sie entdeckt. Und damit auch „Shangri-La“. Hier liegen die Beweise: Das Paradies ist nicht mehr nur ein Märchen, es hat einen realen Kern! Die meisten Fachgelehrten glauben zwar bis heute an eine Legende. Doch sie konnten ja bislang noch nicht zu diesen unzugänglichen Relikten vordringen. Ich bin sicher: Jetzt gibt es am Sutley Arbeit für ganze Archäologen-Generationen. Doch das ist längst nicht der einzige Grund, bald wieder zu kommen. Nach Tibet, ins Zauberland…

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