Presseartikel

 

Tibet – Pilgerwege zum Kailash

November 2005

Das Aufheulen des Motors riss mich aus dem Halbschlaf. Unser Fahrzeug arbeitete sich gerade einen Bergrücken hinauf, dessen höchste Stelle ein Steinhaufen markierte, aus dem ein Holzpfahl ragte. Ausgebleichte, zerschlissene Gebetsfahnen flatterten im Wind. Während sich der Fahrer neben mir abmühte, den nächsten Gang einzulegen, spähte ich durch die staubbedeckte Windschutzscheibe. Die Berge zur Linken waren in dicke Wolken gehüllt, so dass nur ihre dunklen Sockel zu erkennen waren. Und die abfallende goldgelbe Prärie endete in pechschwarzen Gewitterwolken, die sich wie eine Wand vor uns auftürmten.

Doch irgendwo musste eine Lücke das Sonnenlicht durchdringen lassen, denn wo zuvor nur dräuende Wolken zu sehen waren, erschien plötzlich ein Regenbogen. Klar und leuchtend spannte er sich über dem Horizont. Mit einer schnellen Handbewegung bat ich den Fahrer anzuhalten. Noch im Ausrollen öffnete ich die Seitentür, sprang ab und lief ein paar Schritte voraus. Ein Griff in den Rucksack, dann hielt ich den Fotoapparat in den Händen. Und machte doch kein Bild. Mag sein, daß ich die Sinnlosigkeit erkannte, diesen Anblick festzuhalten zu wollen; vielleicht fand ich es auch schade, eine Kamera zwischen mich und die Erscheinung zu schieben. Augenblicke später war alles vorbei. Der Regenbogen löste sich auf, so unvermittelt wie er erschienen war.

Indessen waren meine Gefährten von der Ladefläche abgestiegen. Vermummt, staubbedeckt, zermürbt und schwindelig von der langen Fahrt, taumelten sie wie Betrunkene auf mich zu. Ich deutete nach Osten, wo sich noch ein letzter blasser Schimmer des Regenbogens zeigte. Kaum war er verschwunden, öffnete sich wie von Zauberhand die Wolkenwand. Zuerst sahen wir nur ein Loch, aus dem eine weiße Fläche hervor leuchtete. Dann trieben die Wolken auseinander, wie ein Bühnen-Vorhang - und der Kailash nahm langsam Gestalt an. Der Berg schien von Wolken getragen frei in der Luft zu schweben, losgelöst von seinem Felssockel, der irdischen Sphäre entrückt. Ein helles Wolkenband umschlang die Schneepyramide, so als sei der Gipfel von einem Heiligenschein umgeben.

„Rirab Gyalpo! Rirab Gyalpo! König der Berge“, rief Garzo, unser tibetischer Fahrer, und warf sich fortwährend nieder. Wir standen da, staunend, schweigend, die Augen gebannt auf das Schauspiel gerichtet. Dann begannen die Buddhisten und Hindu unter uns leise Mantras zu murmeln. Ich vermag nicht zu sagen, wie lange die Erscheinung währte. Es mochten nur Sekunden gewesen sein, vielleicht auch Minuten, bis der Kailash wieder hinter den Wolken verschwand. Doch das Bild und die Stimmung jenes Augenblickes haben sich mir unauslöschlich eingeprägt.

Nach eineinhalb Wochen erreichten wir Tarchen, den traditionellem Ausgangspunkt für die rituelle Umwandlung des Kailash. Weil Vollmond bevorstand, waren mehr Pilger als gewöhnlich gekommen. Eine kleine Zeltstadt hatte sich um die wenigen Lehmbauten des Ortes gebildet. Wir schlugen unsere Zelte am Ufer des Tarchen Chu auf und konnten jenseits der großen Grasebene, die sich nach Süden ausbreitete, den See Rakshastal als dunkelblauen Streifen ausmachen, über dem sich die 7700 Meter hohe Berggestalt der Gurla Mandhata erhob. Am nächsten Tag reihten wir uns in den Strom der Pilger ein und folgten dem ausgetretenen Pilgerpfad, der kreisförmig um den Sockel des Kailash führt.

Die Tibeter reisten aus allen Teilen des Landes hierher. Manche waren Wochen, ja Monate unterwegs. Sie kamen zu Fuß, auf Pferden und Yaks, aber auch - wie wir - auf den Ladeflächen von Lastwägen. Sie kamen in Gruppen, in Familien oder ganzen Sippen, im unerschütterlichen Glauben, dass allein der Anblick des Kailash eine heilbringende Wirkung entfalten werde. Heißt es doch in ihren alten Schriften: „Wer ihn sieht, dessen Sünden werden ausgelöscht wie der Tau in der Morgensonne“, und wer ihn umwandert, erspart sich eine oder mehrere Wiedergeburten.

Unterwegs trafen wir Pilger, die sich immerfort niederwarfen und die gesamte Wegstrecke gleichsam mit der eigenen Körperlänge ausmaßen. Andere liefen förmlich um den Berg, vollendeten eine ganze Umrundung, für die man gewöhnlich zwei bis drei Tage benötigt, an einem einzigen. Wer 13 Runden zurückgelegt hat, ist so weit gereinigt und geläutert, daß er den inneren Kreis des Kailash betreten darf - ein Weg, der in die Seele des Berges führt, ins Allerheiligste. Wer es schafft, den Kailash 100 Mal zu umwandeln, so wird behauptet, gehe direkt ins Nirwana ein. Angesichts derart verführerischer Arithmetik wird oft überhört, wenn gelehrte Mönche betonen, dass es nicht so sehr auf das wie oft ankommt, sondern auf das wie der Umwanderung.

Die Tibeter kamen gut ausgerüstet, in dicke Fellmäntel gehüllt, mit Packtieren, auf denen Zelte, Verpflegung, Hausrat und Kleinkinder in Körben geschnürt waren. Abends schlugen sie die Zelte auf und bereiteten Tsampa zu, den nahrhaften Brei aus Gerstenmehl, und Buttertee, den sie in großen Mengen tranken, um der Dehydration des Körpers in dieser Höhe entgegenzuwirken. Nicht alle Pilger bewegten sich in derselben Richtung. Von Zeit zu Zeit begegneten wir Tibetern, die den Berg in umgekehrter Richtung umwandelten, gegen den Uhrzeigersinn. Es waren Bönpos, Angehörige der alten Religion Tibets, die lange vor der Lehre des Buddha dort Fuß gefasst hatte. Auch den Bön gilt der Kailash seit jeher als verehrungswürdig. Am Abend versammelten sich die Pilger in Dira-puk. Das Kloster dort ist nicht mehr als ein einfacher Lehmkubus, am Fuße eines mit haushohen Steintrümmern übersäten Berghanges, doch seine Lage ist einmalig: Man blickt direkt in die Nordwand des Kailash. Auch wir rollten unsere Schlafsäcke auf dem Dach des Klosters aus, beobachteten berauscht das Spiel der Wolken um den Gipfel und die wechselnden Lichtstimmungen, die sie erzeugten.

Am nächsten Morgen mühten wir uns zum Dölma La hinauf. Wir froren, keuchten und litten unter der immer dünner werdenden Luft, sehnten den „Pass der Retterin“ herbei und freuten uns, als wir schließlich unter dem Dach bunter Gebetsfahnen hindurchgekrochen waren und vor dem mächtigen Felsfindling standen, der den Übergang markierte. Dann ging es steile Geländestufen hinab zum „Milarepa-Kloster“ und weiter nach Tarchen. Ich verließ den Kailash damals mit dem festen Vorsatz wiederzukommen, was ich 15 Jahre lang nahezu jedes Jahr tat, vorzugsweise zu Vollmond. Ich näherte mich dem Berg von verschiedenen Richtungen, über unterschiedliche Routen. Anfang 1994 öffnete die nepalische Regierung die westlichste Ecke des Landes, das Humla-Karnali-Gebiet, und damit wurde es wieder möglich, von Nepal aus über den Himalaya nach Tibet zu wandern. Wochen später war ich dort: Mein Weg folgte einer der wichtigsten Routen der alten Salzstraßen und gleichzeitig einem der alten Pilgerpfade zum Berg Kailash. Zum erstenmal näherte ich mich dem Kailash entlang eines jener vier Flüsse, die in seiner unmittelbaren Umgebung entspringen. Dabei wurde mir mit jedem Schritt mehr bewusst, daß es die Flüsse gewesen sein mussten, die den Kailash einst zum Heiligtum erhoben. Vier der größten Flüsse Asiens – Indus, Brahmaputra, Sutley und Karnali – haben an seinem Sockel ihre Quellen und fließen wie Speichen eines Rades in vier Himmelsrichtungen. Von ihrem Wasser sind die Abermillionen Menschen des indischen Subkontinentes abhängig. Die Flüsse sind der Schlüssel zum Kailash in des Wortes wahrstem Sinne, denn ihre Täler eröffnen die einzigen Zugangsmöglichkeiten.

Die Tibeter betrachten die ganze Kailash-Region als ein gigantisches, von der Natur geschaffenes Mandala, ein Abbild des Kosmos, zu dem nicht nur der Berg selbst und die beiden vorgelagerten Seen Manasarovar und Rakshastal gehören, sondern vor allem auch die Quellen der vier Flüsse. Je weiter ich in dieses Natur-Mandala vordrang, desto größer wurde mein Wunsch, es in seiner Gesamtheit zu erfahren, zu erfassen und zu verstehen. Eines Tages hatte ich alle vier Quellen erwandert, irgendwann die dreizehnte Umrundung vollendet. Dann betrat ich den inneren Kreis, doch meine Suche ging weiter. Pilger sind unterwegs, um eine religiöse Verpflichtung zu erfüllen oder um einer Tradition zu folgen, sie unternehmen ihre Reise, um einer Person oder einem heiligen Ort zu gedenken und Respekt zu zollen. Doch jede Pilgerreise ist auch eine geistige Transformation, eine Erneuerung. Der Pilger geht los, um etwas Verlorenes zu finden, um zum Ursprung zurückzukehren, zur Quelle, und sich dort zu erneuern. Vielleicht kommt das dem Grund meiner eigenen Suche am nächsten. Diners Club

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