Presseartikel

 

Sehnsucht nach Stille

P.M. Perspektive 4/2004

Unerträgliche Hitze, quälender Durst und bis zum Horizont nichts als Sand- so stellte sich auch der Abenteuer Bruno Baumann die Wüste vor. Doch als er zum ersten Mal loszog, um ihre Eigenheit zu Entdecken war vieles ganz anders. Für P.M. erinnert sich der Münchner an diesen Trip, der sein Leben bis heute verändert hat.

Es war noch dunkel, als ich aus dem Schlafsack kroch. Ringsum im Lager schien alles fest zu schlafen. Selbst die Kamele rührten sich nicht. Der Sand war kalt wie Schnee, und mich fröstelte, während ich mit klammen Fingern meine Habseligkeiten zusammenpackte. Ich nahm nur das Allernotwendigste mit. Zuletzt füllte ich meine Wasserbehälter ab: zwölf Liter für drei Tage. Damit musste ich auskommen.

Eigentlich wollte ich mit der Karawane gehen, aber jetzt, wo es nur noch weniger Schritte bedurfte, um der Wüste zu begegnen, drängte es mich, allein loszuziehen. Wie lange hatte ich davon geträumt, in die Wüste zu gehen, hatte es mir in meiner Fantasie ausgemalt. Jetzt lag sie vor mir, die Takla Makan im Westen Chinas, die zu den größten Sandwüsten der Erde zählt.

Stundenlang war ich die Nacht zuvor wach gelegen, hatte nichts anderes getan, als in den Sternenhimmel zu schauen. In der Wüste gibt es keinen Berg, der das Blickfeld begrenzt. Die Sterne erweckten den Anschein, als wären sie um Lichtjahre näher gerückt. Und es waren derer so viele, dass ich meinte, neben den bekannten Sternbildern immer wieder neue zu entdecken.

Als ich meinen Rücksack schulterte und loszog, dehnte sich vor mir eine flache Steppe aus. Da und dort zeigten sich Sträucher, die sich als dunkle Flecken abhoben. Dann jedoch der radikale Bruch: Sand, kein Grashalm mehr, nichts Lebendiges. Gegen den Horizont zeichneten sich silhouettenartig die gerundete Formen der Sanddünen ab. Rasch wuchsen sie höher und zwangen mir mehr und mehr einen Zickzack- Weg auf. Ich musste darauf achten, dass ich der Karawane eine erkennbare Spur hinterließ. In diesem Meer der Wanderdünen blieb die Spur die einzige Verbindung zur Karawane. Ohne sie wäre ich hier schnell verloren.

Von Zeit zu Zeit musste ich mit dem Kompass meine Richtung peilen. Meine anfängliche Befürchtung, ich könnte mich bei Nacht im Dünengewirr verirren, erwies sich als unbegründet, denn ich hatte den Mond unterschätzt. Sein Silberschein verlieh dem Sand Konturen.

Allmählich wechselte die Wüste ihre Farben. Sterne und Mond verblassten in einem immer tiefer blau werdenden Himmel. Im Osten, der Richtung aus der ich kam, zeigte sich bereits ein schmaler Querbalken in Rot, der den neuen Tag ankündigte. Dann verfärbte sich der Horizont orange, gelb, und schließlich erhob die Sonne zitternd ihre Glut.

Die plötzliche Lichtfülle erweckte den Sand zum Leben. Immer plastischer traten die Formen der Dünen hervor. Sie sahen aus wie nackte, nebeneinander liegende Frauenkörper. Mit goldbrauner Haut lagen sie in die Sonne. Einige fielen durch kupferfarbene oder gar rötliche Rundungen auf: Das waren die ältesten. Andere schienen noch ganz jung zu sein. Denn ihre Leiber zeigten noch nicht die prallen gerundete Formen, sondern hatten scharfe Kanten, an denen sich das Licht wie auf Messers Schneide brach.

Für mich hatte die Wüste jegliche Bedrohung verloren. Wohin ich auch blickte, von überall her schien sie mir zuzulächeln. Der Sand präsentierte sich so rein und unbefleckt, als hätte ihn noch nie eines Menschen Fuß berührt. Selbst das Gespenst der Hitze und des Durstes schien aus ihrem Angesicht getilgt. Ich fühlte mich frei, losgelöst von all den Zwängen und kleinlichen Sorgen des Alltags. Wie berauscht lief ich immer weiter in die Wüste hinein.

Die völlige Abwesenheit vertrauter Geräusche verstärkte den Eindruck, in eine andere Welt geraten zu sein. Wenn mich in diesem Moment jemand gefragt hätte, was denn nun die Erfahrung der Wüste sei, dann hätte ich ohne zu zögern geantwortet: Licht, Sand und Stille. Es gibt nur den klaren, blauen Himmel mit seinem Überfluss an Licht. Es gibt der Sand, den er Wind zu immer neuen Formen modelliert. Und es gibt die große Stille. Sie schneidet tiefer ins Herz als alles andere.

Die Stille der Wüste ist frei von Assoziationen und lässt die eigenen Gedanken von der Kette los. Es ist eine Stille, die einen den Quellen des Lebens näher bringt, denn man hört nichts als den eigenen Pulsschlag und Atem. Daher lässt sich das Wesen der Wüste nur im Gehen erleben. Der Motorenlärm eines Fahrzeugs würde die Stille vertreiben, und von der grenzenlosen Weite bliebe nur ein Ausschnitt in der Windschutzscheibe übrig.

Ich hatte mir das Gehen im Sand viel mühsamer vorgestellt, so ähnlich wie das Laufen am Meeresstrand. Doch Wüstensand ist erstaunlich fest, freilich nicht überall, sondern immer nur an den der jeweiligen Windrichtung zugekehrten Stellen.

Ich kenne keine anderen Landschaft, die so von Klischeebildern geprägt ist wie die Wüste. Die meisten Menschen stellen sich darunter nur eine trostlose Öde vor, wo einen nichts als lähmende Hitze und quälender Durst erwartet. Die Klischees sind zwar nicht falsch, aber sie werden der Wüste nicht gerecht. Weil sie nur eines ihrer vielen Gesichter widerspiegeln. Sie ignorieren ihre Schönheit und die zwingende Kraft, die von ihr ausgeht, die tiefer in die menschliche Seele greift als bei jeder anderen Landschaft.

Noch etwas fällt auf: Die Wüste polarisiert. Während die einen sie verteufeln, ist sie den anderen heilig. Schon in der Vergangenheit schieden sich an ihr im wahrsten Sinne des Wortes die Geister. Den alten Ägyptern galt die Wüste westlich des fruchtbaren Niltals als Reich der Dunkelheit und des Todes. Auch für die Inkas gehörte die Atacama- Wüste eher dem Reich des Todes an als der Welt, in der sie lebten. Sie wagten sich nur hinein, um Opfer darzubringen und ihre Toten zu bestatten. Die Heilbringende und offenbarende Kraft der Wüste hat dagegen die jüdische und später die christliche Religion entdeckt:

Die Ambivalenz zwischen Göttlichkeit und Dämon, zwischen Furcht und Verheißung. Zwischen unendlicher Freiheit und quälender Entbehrungen hat auch Literaten wie Antoine de Saint-Exupéry inspiriert, der die Wüste mit überbordender Poesie befrachtete. Er war Pilot und lernte die Wüste im Fluge kennen. Dabei fühlte er sich zwischen Bedrohlichkeit und Bewunderung hin- und her gerissen - und erlag doch ihrer Faszination.

„Ich war verloren in der Wüste und furchtbar bedroht, nackt zwischen Sand und Steinen, fern von meinem Leben einem Übermaß von Stille ausgeliefert“, schrieb er einmal. Aber er schrieb auch: „ Und dennoch liebten wir die Wüste. Zuerst ist sie nur Leere und Schweigen, denn sie gibt sich nicht zu Liebschaften von einem Tag her.“

Mittlerweile hatte die Sonne alle Farben aus der Landschaft gebrannt, und der Sand war weiß wie Schnee. Mein Gehen hatte alle Leichtigkeit verloren. Jeder Schritt kostete Überwindung, jeder Gedanke suggerierte Durst. Die Sonne war allgegenwärtig und gnadenlos. Sie hatte den Sand bis auf 70 grad aufgeheizt, und als Wanderer war ich auch dieser Bodenhitze voll ausgesetzt. Allmählich spürte ich, wie meine Kräfte erlahmten, die Sinne abstumpften. Auch der Kopf schaltete ab, er hatte nichts mehr mitzuteilen. Alles war nur noch auf die einfachste Motorik reduziert, auf das Gehen, Schritt für Schritt.

Mit rasendem Puls erkletterte ich eine Düne. Kraftlos ließ ich mich in den Sand fallen. Wenigstens strich hier oben von Zeit zu Zeit eine erfrischende Brise über den Kamm. Mit Hilfe von Gehstöcken und Rucksack versuchte ich einen Schattenspender zu bauen. Plötzlich wurde der Sand lebendig: Ein Wüstensalamander sprang auf und jagte pfeilschnell die Düne hinunter. Er hatte sich im Sand eingegraben, um sich vor der Hitze zu schützen.

Ich tat es ihm gleich und baggerte mit den Händen eine Wanne aus, gerade so groß, das ich mich darin ausstrecken konnte. Den Kopf schob ich so weit wie möglich unter den schräg aufgestellten Rücksack. So ließ es sich aushalten, und ich sparte Wasser. Das war nun oberstes Gebot, denn meinen Reserven waren in den letzten Stunden bedenklich geschrumpft. Jeder Schluck bedeutete eine Entscheidung. Es wäre sinnlos gewesen, weiterzugehen, denn meine nächste Oase lag nicht vor mir, sondern kam auf Kamelrücken hinterher.

In zwei bis drei Stunden wird die Hitze gebrochen sein, dachte ich, und dann wird mir die Wüste wieder zulächeln wie am Morgen. Mit diesem angenehmen Gedanken fiel ich in einen Dämmerschlaf, aus dem ich unsanft erweckt wurde, als ein heftiger Windstoß mich mit einer Ladung Sand überhäufte. Mit einem Satz war ich auf den Beinen, und ehe ich den Staub abgeschüttelt hatte, fegte schon die nächste Windböe über den Dünengrat, den Sand zu einer Fontäne aufwirbelnd. Mit zusammengekniffenen Augen spähte ich in die Runde. Sandschleier wehten nun wie zerschlissene Fahnen von den Spitzen der Dünen. Die Sonne war hinter einer drohende schwarzen Wolke verschwunden, die wie eine Walze auf mich zukam.

Der Sturm brachte den Sand in Bewegung. Sandkörner umwirbelten mich von allen Seiten. Halb geblendet taumelte ich hilfesuchend die Düne hinunter. In der Senke angekommen, kauerte ich mich in den Sand und merkte, wie ich allmählich selbst Teil der Wüste wurde. Ich bildete ein Hindernis, an dem sich die Sandkörner zuerst stauten und an über mich hinwegschleuderten.

Während ich wartete, wurde mir bewusst, wie verwundbar ich war, und ich begriff, dass es in der Wüste nicht darauf ankam, ein Held aus Fleisch und Blut zu sein, sondern die Widerstandsfähigkeit von Sandkörnern anzunehmen. Denn einzig ihnen gelang es, dauerhafter Bestandteil dieser Landschaft zu sein.

Irgendwann legte sich der Sturm. Nur hier und da tanzten noch einzelne Sandspiralen ziellos über die Dünenkämme, Eile war nun geboten, denn es würde nicht mehr lange bis zum Einbruch der Dunkelheit dauern: Ich stieg auf die nächste Düne hinauf und sondierte das Gelände. Von der Karawane keine Spur. Auf sie zu warten war zwecklos. Ich musste sie suchen. Ich war die ganze Zeit über ziemlich gerade nach Westen gelaufen und musste jetzt nur in die umgekehrte Richtung zurückwandern.

Dabei hielt ich nach Zeichen Ausschau. In einiger Entfernung entdeckte ich einen schwarze Punkt im Sand. Zuerst dachte ich an einen einzelnen Strauch oder ein Stück Holz, doch als ich näher kam, erkannte ich, dass es ein Kamel unserer Karawane war. Seine frischen Spuren führten mich direkt zum Lagerplatz. Ich stieß einen Jubelschrei aus, als hätte ich soeben die wunderbarste Oase gefunden. In diesem Augenblick stellte das Lager für mich den Inbegriff von Geborgenheit und paradiesischer Idylle dar. Die Kameltreiber hockten im Kreis beisammen und versuchten, ein Feuer zu entfachen. Sie taten so, als wäre es die selbstverständlichsten Sache der Welt, dass wir uns hier wieder begegneten. Später, als wir Tee schlürfend um die Flammen saßen, sagten die Männer, dass sie sich sicher waren, ich würde die Wüste verstehen und alles richtig machen.

Als ich später in meinem Schlafsack lag, tobten in meinem in meinem Inneren widersprüchliche Gefühle. Ws bedeutete mir die Wüste? Zählte ich nun zu denen, die sie liebten oder zu jenen die sie ablehnten? Kann man etwas lieben, das stark genug ist, einen umzubringen, das sich weder bezwingen noch besitzen lässt?

Als ich loszog, hatten sich diese Fragen nicht gestellt. Ich folgte einfach einer spontanen Neugier. Ich wollte die Wüste spüren, sehen, schmecken und erfahren, wie es ist, einer solchen Landschaft zu begegnen. So lange ich mich entsinnen kann, zog es mich zu den leeren Orten dieser Welt. Deshalb war es keine Frage, ob ich in die Wüste gehen würde, sondern höchstens wann und in welche.

Die reinen Sandmeere zogen mich an meisten an. Vielleicht deswegen, weil Weite dort noch weiter, Leere noch leerer ist, weil die Dünen dem Auge als eine Art Gesamtkunstwerk erscheinen, geschaffen aus Wind, Licht und Sand. Und weil das Fehlen jeglicher Ablenkung den Blick für das Wesentliche frei macht.

Diese erste Begegnung mit der Wüste erlebte ich im Jahr 1989.Sie hat mich berührt uns schockiert, zum Träumen verführt und geängstigt, mit Freiheit geboten und Grenzen gezeigt. Aber sie hat mich nicht abgeschreckt. Im Gegenteil. Sie zog mich tiefer hinein, um dort noch mehr Wüste mit den Augen zu trinken und Stille zu atmen. Mit ihr begann die aufregendste und erfahrungsreichste Zeit meines Lebens - eine Reise, die mich durch die größten Wüsten der Erde führte.

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