Presseartikel

 

KAILASH - Das grosse Mandala der Natur

Januar 2004

Es war im Sommer 1987, als ich mit einer Gruppe von Gefährten von Lhasa aus in Richtung Westen aufbrach. Wir hatten uns erst dort kennengelernt und zusammengetan, denn uns alle verband ein gemeinsames Ziel, nämlich der Wunsch, zum Kailash zu kommen. Kein einfaches Unterfangen. Damals gab es noch keine Pauschaltouren, die man einfach buchen konnte, damals war die Region noch offiziell Sperrgebiet und man benötigte eine Sondererlaubnis. Unsere Geduld und Beharrlichkeit wurde auf eine harte Probe gestellt. Das zermürbende Ringen mit den Behörden um die Reiseerlaubnis, dann die Suche nach einem fahrbaren Untersatz. Schließlich gelang es nach zwei Wochen, einen chinesischen Lastwagen Marke „Befreiung“ aufzutreiben. Mit diesem Vehikel fuhren wir zehn Tage lang westwärts. Weil die kürzeste Route zum Kailash entlang der Talfurche des Yarlung Tsangpo (Brahmaputra) während der Monsunzeit unpassierbar war, mußten wir einen großen Bogen nach Norden schlagen, über den Transhimalaya. Die Tage verbrachten wir auf der Ladefläche des Lastwagens, eingepfercht zwischen Gepäck und Treibstoffässern, bei jedem größeren Stein oder Schlagloch hilflos hin- und hergeschleudert, dick vermummt wegen der Kälte und dem erstickenden Staub. Freilich gab es auch viele wunderbare Momente. Wenn wir mitten im Transhimalaya plötzlich vor Seen standen wie geschliffene Türkise, wenn wir seltenen Wildtieren begegneten, wenn wir unsere Zelte bei tibetischen Nomaden aufschlugen, deren Vitalität uns selbst immer wieder neuen Mut gab.

Wir waren eine sehr heterogene Gruppe. Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturkreisen und religiöser Tradition. Der Kailash war zwar unser gemeinsames Ziel, doch unsere Beweggründe waren sehr verschieden. Für die Buddhisten und Hindus in der Gruppe war es eine Pilgerreise. Sie erfüllten eine religiöse Pflicht, erhofften sich durch ihr Tun religiöse Verdienste zu erwerben, Reinigung zu erfahren. Andere kamen als Schaulustige, um eines exklusiven Reiseerlebnisses wegen. Mich hatten Sehnsuchtsbilder angelockt. Geschaffen von jenen europäischen Reisenden des letzten Jahrhunderts, die mit ihren Berichten dazu beitrugen, Tibet mit der Aura des Geheimnisvollen und Mystischen zu umhüllen und das Land zu einer Projektionsfläche für westliche Träume und Sehnsüchte werden zu lassen.

Nachdem wir Pass um Pass überquert hatten, erreichten wir eine letzte Schwelle, blickten in ein Tal hinab, sahen dunkle, düstere Gewitterwolken, die sich von Osten heranschoben. Doch irgendwo drangen Lichtstrahlen durch. Ließen vor unseren Augen einen Regenbogen entstehen. Mit einer schnellen Handbewegung bedeutete ich dem Fahrer anzuhalten. Dann versuchte ich, die Gefährten für die Naturerscheinung zu begeistern. Aber sie hatten keinen Blick mehr für Naturschönheiten und waren sie noch so spektakulär. Von ihren Gesichtern las ich nur eine einzige Frage ab. Wie lange noch? Die Antwort folgte postwendend. Wie von Zauberhand öffnete sich die Wolkendecke und dahinter trat der Kailash hervor, nahm rasch Gestalt an. Der Berg schien irgendwie dem Irdischen entrückt, schien wie auf Wolken zu schweben, von einer Aura aus milchweißem Nebel umhüllt. Er wirkte auf mich wie ein Mittler zwischen Himmel und Erde, wie eine Treppe, die von der Erde hinauf in den Himmel führt. Der erste Anblick des Kailash hatte auf uns alle eine transformierende Wirkung. Wie weggewischt war die Müdigkeit, fort war der Frust, der sich unter uns während der langen Fahrt aufgestaut hatte, und wir freuten uns, nun dem Ziel so nahe zu sein.

Kurze Zeit später erreichten wir Tarchen, das Pilgerlager zu Füßen des Berges. Damals bestand der Ort aus ein paar Lehmbauten und eine kleine temporär von den Pilgern errichtete Zeltstadt. Damals stand gerade Vollmond bevor. Dann kommen mehr Pilger zum Berg. Die tibetischen Pilger kamen zum Teil so wie wir, auf den Ladeflächen von Trucks. Sie kamen aber auch zu Fuß, aus allen Teilen des Landes. Sie waren oft Wochen, ja gar Monate unterwegs, bevor sie den Kailash vor das Angesicht traten. Sie kamen mit Pferden und Yaks als Packtiere, vor allem aber mit dem unerschütterlichen Glauben im Gepäck, daß allein der Anblick des heiligen Berges schon eine segensreiche Wirkung entfalten würde. Denn „wer ihn sieht“, so heißt es in alten Schriften, „dessen Sünden werden ausgelöscht wie der Tau von der Morgensonne“. Mehr noch. „Wer ihn umwandert, der erspart sich ein oder mehrere Wiedergeburten“. Deshalb reihten auch wir uns ein in den Strom der Pilger, die den Berg wie eine einzige sich drehende menschliche Gebetsmühle umkreisten. Ich fühlte mich wie ein Glied in einer unendlichen Kette zwischen jenen, die vor mir diesen Weg begingen und jenen, die nachkommen werden. Die Vorgänger haben deutliche Spuren hinterlassen. Klöster, Chörten, Mani-Mauern, Fußfallstätten säumen die äußere Kora, den über 50 Kilometer langen Rundweg um den Sockel des Berges. Mir schien, als bewegte ich mich durch eine Landkarte des Glaubens, wo förmlich jede größere Felszacke, jeder Stein schon religiöse Bedeutung hat.

Die Tibeter kamen gut ausgerüstet, in dicke Fellmäntel gehüllt. Sie gingen in Gruppen, in ganzen Familien oder Sippen. Abends bereiteten sie Tsampa, einen nahrhaften Brei aus Gerste, und Buttertee, den sie unausgesetzt tranken, um der Dehydration in diese Höhe entgegenzuwirken. Zuweilen begegneten wir Pilgern, die nicht aufrecht gingen wie wir, sondern die ganze Wegstrecke in fortwährenden Niederwerfungen zurücklegten. Dies gilt als unaussprechlich verdienstvoll. Sie bewegten sich offenbar so langsam als möglich, benötigten für eine einzige Runde um den Berge mehrere Wochen. Andere Pilger hingegen rannten um den Berg so schnell es ging, schafften es, den Kailash an einem einzigen Tag zu umrunden. Denn auch die Anzahl der Runden spielt eine gewisse Rolle. Wer zehn Runden um den Berg zurücklegt, so wird behauptet, der könne die Verunreinigungen eines ganzen Zeitalters beseitigen. Wer gar hundert Runden schafft, der, so ist man überzeugt, würde direkt ins Nirvana eingehen. Bei all der verlockenden Zahlenarithmetik kann leicht vergessen werden, daß es eben nicht auf das Wie Oft ankommt, sondern auf das Wie. „Echte Pilgerschaft“, so erklärte mir einmal ein Mönch, unternimmt man nicht nur für sich selbst. Man tut es zum Wohle aller Geschöpfe, zum Wohle seiner Freunde und selbst seiner Feinde“. „Nur wer mit dieser Geisteshaltung unterwegs“ ist, so betonte er, „wird auch religiöse Verdienste ansammeln können. Ansonsten ist es nichts mehr als eine gewöhnliche Reise, ohne irgendwelche spirituelle Bedeutung.“

Ich verließ damals den Kailash mit dem festen Vorsatz wiederzukommen. In der Folgezeit kam ich fast jedes Jahr wieder. Ich näherte mich dem Berg von verschiedenen Richtungen, zu allen Jahreszeiten. Je öfter ich kam, je vertrauter mir die Geographie dort wurde, desto mehr Fragen taten sich auf. Ich fragte mich, was es ist, daß den Kailash über alle anderen Berge hervorhebt, das ihn in den Brennpunkt religiöser Verehrung von gleich vier Glaubensbekenntnissen rückte. Denn nicht nur den Hindus und Buddhisten gilt der Kailash als heilig, sondern auch den Bönpos, den Angehörigen der vorbuddhistischen Religion Tibets, und den asketischen Jainas.

Im Laufe der Zeit wurde mir mehr und mehr klar, dass es ursprünglich die Flüsse gewesen sein mussten, die dem Berg seine Bedeutung gaben. Denn vier der größten Flüsse Asiens – Indus, Brahmaputra, Sutley und Karnali - entspringen in unmittelbarer Nähe des Kailash und fließen von dort wie Speichen eines Rades in vier Himmelsrichtungen davon. Flüsse, von denen das Leben von Millionen und Abermillionen Menschen des indischen Subkontinentes abhängt. Es ist müßig zu spekulieren, wann und über welchen Weg sich die ersten „Pilger“ dem Kailash näherten. Sind es Hindus gewesen, die dem Lauf des Indus oder Karnali hochstiegen, bis sie zur Quelle gelangten? Waren es ihre Berichte vom großen Berg dort oben am Urquell, die den Kailash Mythos begründeten? Vielleicht. Die Menschen jedoch fanden hier außer den Quellen ihrer lebensspendenden Flüsse noch etwas vor. Nämlich uralte Zeichen und Symbole in greifbare Formen gegossen. Sie erkannten im Kailash und seiner Umgebung ein von der Natur geschaffenes Mandala, ein Abbild des Kosmos also. In der religiösen Sprache Indiens bedeutet Mandala einen Kreis, einen heiligen Bezirk. Auch der Kailash und seine Umgebung sind ein solch heiliger Bezirk. Ein Mandala besitzt vier Eingänge an den vier Himmelsrichtungen gelegen. Das sind am Kailash-Mandala die Quellen jener vorhin genannten vier Flüsse. Ein Mandala betritt man, entweder rein geistig, indem man es als Meditiationsbild benutzt, oder geistig und körperlich, indem man einen Mandala-Tempel betritt oder in das Natur-Mandala des Kailash eintritt. Ich kann nicht mehr sagen, auf welcher meiner frühen Kailash-Reisen es war, dass ich den Entschluß faßte, das Kailash-Mandala in seiner Gesamtheit zu erwandern, zu erfahren und zu erpilgern. Das hatte wohl auch damit zu tun, dass sich meine eigenen Beweggründe veränderten. Ich wurde zwar kein Pilger wie die anderen, die hierher kamen, um einer überkommenen Tradition zu folgen. Den meisten Pilgern genügt es zu wissen, dass diese Plätze heilig sind und dass sie ihres Segens teilhaftig werden können. Ich kam als Suchender, vielleicht um etwas Verlorenes wiederzufinden, zurückzukehren zum Urquell. Auch um mich zu erneuern, denn jede Pilgerreise ist auch eine Transformation.

Im Zuge der regelmäßigen Aufenthalte über einen Zeitraum von nun mehr knapp zwei Jahrzehnten, konnte ich nicht nur der inneren Wandlungen gewahr werden, sondern auch der äußeren Veränderungen, die sich im Kailash-Gebiet vollzogen. Da gab es zwar keine dramatischen Ereignisse, vielmehr war es ein langsamer, aber stetig fortschreitender Prozeß. Zu den augenfälligsten Veränderungen gehört der Ausbau der Straßeninfrastruktur. Zunächst wurde die Verbindung nach Lhasa verbessert, die sogenannte Südroute, jene Strecke entlang der Talfurche des Yarlung Tsangpo (Brahmaputra), die die kürzeste Autoroute nach Westtibet darstellt. Hier wurden nach und nach Hochwasser sichere Brücken gebaut und die Piste so weit befestigt, dass sie auch während der Monsunzeit problemlos zu befahren ist. Weniger aus Liebe zu den Tibetern, wie ich meine, um die paar Nomaden entlang der Strecke mit einer Straße zu versorgen, sondern vor allem aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen. Diese Strecke führt an die indische Grenze und die Beziehungen zwischen den beiden asiatischen Großmächten sind alles andere als gut nachbarschaftlich. Weiter nördlich, im Bereich des Hochplateaus von Aksai Chin gibt es nach wie vor einen Grenzdisput über ein von China besetztes Gebiet, das Indien für sich reklamiert. Auch die strategisch wichtige Straße nach Kashgar hinunter, in die von moslemischen Uiguren bewohnte Provinz Ostturkestan (Xinjiang) wurde ausgebaut und ist bereits teilweise geteert. Im Jahre 1994 wurde ein zweiter Grenzübergang nach Nepal geöffnet. Das führte zu einer Wiederbelebung eines uralten transhimalayischen Handelsweges, der früher eine der wichtigsten Routen der „Salzstraße“ darstellte. Nach einem Abkommen zwischen China und Nepal, das 2001 in Kathmandu getroffen wurde, soll der Saumpfad zu einer Autostraße ausgebaut werden. Auf der tibetischen Seite zwischen Purang und Granze beziehungweise auch zwischen dem Kailash-Manasarovar-Gebiet und Purang sind die Arbeiten bereits in vollem Gange. Auf der Seite Nepals noch nicht, weil das Gebiet von den Maoisten kontrolliert wird.

Mehr Straßen bedeutet natürlich auch mehr Autos, mehr Verkehr. Auch die Anzahl der Besucher, die alljährlich zum Kailash kommen, ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, sowohl was die tibetischen und indischen Pilger betrifft, vor allem aber auch die der westlichen Touristen. Dafür mögen auch andere Faktoren verantwortlich sein und nicht allein der Umstand, daß man heute einfacher und bequemer zum Kailash gelangen kann als früher.

Vorläufiger Höhepunkt mit absolutem Besucherrekord stellte das Jahr 2002 dar, ein Jahr des Pferdes, in dem sich eine Pilgerschaft spirituell besonders lohnt. Die lokalen Behörden in Purang, denen auch das Kailashgebiet untersteht, hatten schnell begriffen, daß sich vor allem von den westlichen und indischen Besuchern, kommerzieller Nutzen ziehen läßt. Die lokale Reiseagentur betreibt als Monopolist Gästehäuser, erhebt für die Kora eine Eintrittsgebühr, vermittelt Yaks und Yaktreiber, verkauft Reisepermits, vermietet Fahrzeuge. Heute gibt es Gästehäuser entlang der Pilgerroute um den Kailash, auch Garküchen und „Bierzelte“. Mehr Besucher bedeutet aber auch mehr Müll. So markieren neben den bekannten religiösen Zeichen zunehmend achtlos weggeworfene Aludosen, Plastikverpackung und zertrümmerte Glasflaschen den Pilgerpfad. Die lokale Agentur in Purang verdient zwar gut am Kailash, um das Fäkalien- und Müllproblem kümmern sie sich nicht. Das hat vor allem auch am Manasarovar-See rapide zugenommen, seit 2001, seit es die Straße um den See gibt. Erstaunlicherweise protestierte niemand hierzulande ob dieses Sakrilegs. Immerhin gilt der See als ebenso heilig wie der Berg. Seitdem benutzen viele Pilger ihre Vehikel, mit denen sie zum Kailash gereist sind, zumindest als Begleitfahrzeuge und Anlaufstellen für die Lager. Diese Plätze sind leicht zu erkennen. Sie gleichen Müllhalden. Bei meinem letzten Besuch im August 2003 war ich mit meinen Begleitern stundenlang beschäftigt, einen solche Stelle zu säubern, ehe wir unsere Zelte dort aufstellten. Zugegeben, es ist nicht ganz einfach seinen Müll zu entsorgen. Denn die Frage ist, wie und wohin damit. Was sich nicht verbrennen läßt, müßte man selbst wieder mitnehmen und zwar versperrt in seinem persönlichen Gepäck, denn die lokalen Fahrer oder auch Yaktreiber lassen keine Möglichkeit aus, sich in einem unbeobachteten Augenblick der aus ihrer Sicht völlig nutzlosen Last zu entledigen. Gewisse Hoffnungen richten sich auf den Einfluß einer Institution, die von Tibetern aus der Schweiz initiiert wurde. Ihnen ist es gelungen, eine tibetische Medizinschule in Tarchen aufzubauen, ein vorbildliches Projekt, das aufzeigt, daß auch unter den bekanntermaßen schwierigen und repressiven Bedingungen, es möglich ist, Hilfsprojekte für die Tibeter zu realisieren. Ich kenne und beobachte die Entwicklung dieses Projektes seit seiner Eröffnung im Jahre 1995, seit ich mit einer Gruppe von Schweizer Freunden, die maßgeblich die erste Bauphase der Schule finanziell förderten, dort war. Inzwischen wird bereits der zweite Lehrgang von Studenten nach traditioneller Lehrmethode in tibetischer Medizin ausgebildet. Thakpa Ott, selbst gebürtiger Westtibeter und von Beruf Krankenpfleger, der das Projekt als Mittler zwischen den Schweizer Initiatoren und den lokalen Behörden und Mitarbeitern betreut, verweist zurecht mit Stolz darauf, daß es gelungen ist, eine Kompatibilität mit dem staatlichen Medizinsystem herzustellen, so daß die Absolventen als Ärzte anerkannt und uneingeschränkt überall praktizieren können. Ich traf Thakpa seit 1995 fast jedes Jahr am Kailash. Unermüdlich treibt er das Projekt voran, umschifft gekonnt die gefährlichen Klippen lokaler Bürokratie. Wenn man ihn fragt, wie er das macht, dann antwortet er „mit stiller Diplomatie“. Deshalb war er etwas irritiert, als er im September letzten Jahres vom Kailash zurückkam und mit den lauten Protesten über die Nachricht einer geplanten Straße um den heiligen Berg konfrontiert wurde. Die langjährige Erfahrung mit dortigen Behörden hatte ihn gelehrt, daß eine derartige Aktion leicht das Gegenteil bewirken kann, nämlich eine Trotzreaktion der Behörden provoziert unter dem Motto „jetzt erst recht“. In diesem Fall konnten die Proteste keinen Schaden mehr anrichten, weil zu diesem Zeitpunkt der Plan vom Straßenbau bereits aufgegeben war. Ein Insider wie Thakpa wußte schon seit Jahren, daß die lokale Behörde in Purang einen solchen Plan verfolgte. Ursprünglich sollte die Piste in einem größeren Bogen um den Kailash herumführen, also nicht über den Dölma La. Das schien von den lokalen Tibetern, insbesondere auch von jenen für das Kailash-Gebiet zuständigen religiösen Autoritäten akzeptiert zu werden. Treibende Kraft hinter dem Bauprojekt war nach Angaben von Thakpa Ott der Bürgermeister von Purang. Als jedoch die Variante, die Straße über den Dölma zu leiten, favorisiert wurde, wandten sich die beiden höchsten buddhistischen Würdenträger, nämlich der Abt des Gyangdrak Klosters, Repräsentant der Drikung-Kagyü-Linie, die seit jeher als spirituelle Hüter des Kailash gelten, und der höchste Vertreter der Gelugpas, ein Tulku vom Kloster Trugo am Mansarovar-See, gegen den Straßenbau. Denn nun sollte die Straße exakt dem Pilgerweg folgen und würde nicht nur die vielen bedeutungsvollen Heiligtümer entlang der Kora entweihen sondern sogar zerstören. Die Straße müßte im Bereich des Auf-und Abstiegs zum Dölma La förmlich aus dem Fels gesprengt werden. Dagegen waren auch die gewerkschaftlich organisierten Yaktreiber, weil sie um ihre Geschäfte fürchteten, aber ihr Einfluß wäre wohl viel zu gering gewesen, um den Bau zu verhindern. Günstig hingegen, vielleicht sogar entscheidend, war eine verwaltungstechnische Maßnahme. Der Bürgermeister von Purang, der den Bau gefördert hastte, wurde in die weiter nördlich gelegene größere Provinzstadt Sengge Khambab (Ali, chinesisch Shiquanhe) versetzt. Dort wird er sich angeblich um ein anderes Projekt kümmern. Nämlich die Anlegung eines Flugplatzes. Sein Nachfolger schien sich nicht mehr so für das Straßenprojekt zu ereifern oder hatte ein offeneres Ohr für die Einwände der beiden Mönche. Wie dem auch sei, jedenfalls versichert Thakpa Ott, die Straße um den Kailash werde nicht gebaut. Das hätte er schon im September 2003 an Ort und Stelle erfahren, und jetzt im Januar hätten ihm seine Vertrauten dies bei einem Telefongespräch abermals bestätigt. Ich möchte es nur zu gerne glauben. Und die ganze Postkartenaktion „Rettet den Kailash“? Viel Lärm um nichts? Sicher nicht, enthält sie doch eine vielversprechende Forderung. Nämlich, der Kailash-Region den Status eines UNESCO-Weltnaturerbes zu verleihen. Das allein freilich genügt nicht, wie das Beispiel des Potala in Lhasa zeigt. Auch der Potala ist ein UNESCO-Weltkulturerbe, aber die Mittel zu seinem Erhalt wurden teilweise benutzt, um die Altstadt zu seinen Füßen niederzureißen. Ein dauerhafter Schutz dieser Region, die nicht nur für Millionen und Abermillionen von Gläubigen große Bedeutung besitzt, sondern Lebensquelle im wahrsten Sinne des Wortes für einen großen Teil Asiens ist, kann nur in Übereinstimmung und Kooperation mit den lokalen Entscheidungsträgern verwirklicht werden. Da erscheint mir Thakpa Otts „stille Diplomatie“ und Beharrlichkeit viel effizienter als in überhastetem Aktionismus zigtausende bunter Postkarten durch die Lande zu jagen.

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